Ich komme nicht umhin, den Herren Recht zu geben: der Frühling in diesem Jahr war tatsächlich extrem kurz.
Ausschlaggebend dafür sind die grundlegend veränderten Luftdruckverhältnisse über dem Nordatlantik, welche vor allem den April deutlich wärmer und trockener werden lassen. Die beiden Klimaforscher Udo Mellentin und Wilfried Küchler sprechen in diesem Zusammenhang gar von einer neuen Jahreszeit, die es bisher so nicht gab: dem „Aprilsommer“ – eine neue Vokabel, die mir sehr gut gefällt (Grimsvötn gefällt mir im Übrigen auch sehr gut, ist aber nicht neu.).
„Im durchschnittlichen April der letzten Jahre fehlt ganz erheblich Niederschlag, und es wird schlagartig sommerlich warm“, sagt Mellentin. Vom März zum April steige die Temperatur so sprunghaft an, wie sonst im gesamten Jahresverlauf nicht. Durch die extrem schnelle Schneeschmelze in den Gebirgen steige zudem die Hochwassergefahr.
In den Statistiken der Klimaforscher fallen die letzten zehn Jahre voll aus dem Trend seit Beginn der Beobachtungen 1812. „Das sind Vorboten eines Witterungszustandes, wie wir ihn möglicherweise als Standard bekommen“, sagt Mellentin. Statt den üblichen Luftströmungen von West nach Ost und umgekehrt, wehen die Winde nun von Nord nach Süd und von Süd nach Nord. Dabei bilden sich sogenannte Trogwetterlagen. Kalte Luft von der Arktis strömt bis nach Südeuropa. Daneben befinden sich Zonen, in denen warme Luft aus dem Süden nach Norden treibt. Trogwetterlagen sind die häufigste Ursache von Wetterextremen in Sachsen. Die Überschwemmungen im Vorjahr und auch der enorm kalte Dezember zählen dazu.
Der kurze, sächsische Frühling mit dem möglichen Hochwasser ist also eine tatsächlich greifbare Folge des Klimawandels, mit der wir uns wohl oder übel abfinden werden müssen.
(Quelle: SäZ vom 23. Mai 2011)