Der Tiger in der guten Stube

Ich habe gelesen: „Der Tiger in der guten Stube“ von Abigail Tucker.

Kein Zweifel: Katzen sind unsere liebsten Haustiere. Weltweit gibt es etwa dreimal so viele Katzen wie Hunde. In unserer Gesellschaft sind sie im Laufe der Jahrhunderte zu einer der erfolgreichsten Tierarten auf dem Erdenrund geworden. Sie beherrschen unsere Wohnungen und sind die Königinnen des Internets. Höchste Zeit also, die wundersame Geschichte der Beziehung von Mensch und Katze ein Buch zu widmen, das derselben mit gebotener Gründlichkeit gerecht wird.

Halldór Laxness: Atomstation

Ich habe gelesen: Atomstation von Halldór Laxness.

Historischer Hintergrund dieses Romans ist die Besatzung Islands durch die Amerikaner (Mitte der 1940er Jahre), welche für 99 Jahre einen Stützpunkt auf der Insel errichten wollen. Das isländische Parlament stimmt dem Ansinnen letztlich zu und schloss den Keflavík-Vertrag ab. Viele Isländer sehen dies jedoch – mit dem Blick auf den sich anbahnenden Kalten Krieg und die erfolgten Atombombenabwürfe in Japan – sehr kritisch, da die Unabhängigkeit Islands gefährdet erscheint.

Vor diesem politischen Geschehen kommt Ugla, ein ungebildetes Bauernmädchen aus einem abgelegenen Ort Nordislands, nach Reykjavík, um sich bei der Familie eines Politikers als Dienstmädchen zu verdingen und nebenher das Orgelspielen zu lernen. Zunächst wird sie, ob ihrer scheinbar dummen und plumpen Art, verspottet, lernt jedoch schnell ihre Lektionen und emanzipiert sich. Ugla trifft auf mitunter skurrile Figuren und Situationen, kommt mit kommunistischen und anarchistischen Gedanken in Berührung und muss sich zuletzt zwischen einem Leben mit dem reichen Dienstherrn und einem einfachen Polizisten (dem Vater ihres Kindes) entscheiden.

Halldór Kiljan Laxness (1902 – 1998), Literaturnobelpreisträger und gewiß der bedeutendste isländische Schriftsteller seiner Zeit, schrieb den Roman in den Jahren 1946/47. Er war dazumal von den marxistisch-kommunistischen Lehren inspiriert und protestierte – wie auch seine Romanheldin Ugla – gegen die Stationierung amerikanischer Raketen, denn bei einem potentiellen Atomkrieg würde Island zu einem Angriffsziel werden.

Der lesenswerte Mini-Roman umfasst gerade 200 Seiten (als Taschenbuch) und ist im Fazit – mit seinem Fokus auf den politischen Umbruch jener Zeit (und unter den speziellen isländischen Gegebenheiten) – ein gelungenes Abbild der isländischen Gesellschaft.


Halldór Laxness
Atomstation

2. Auflage (Januar 2007)
Taschenbuch: 208 Seiten

Verlag: Steidl Göttingen
ISBN-10: 3882438118
ISBN-13: 978-3882438116
€ 9,90 [D]


Hello I'm Nik

Marcel Reich-Ranicki

Die meisten Bücher habe ich von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. In den meisten Fällen war es eine Qual.

Der unvergessene und meinerseits hoch verehrte Marcel Reich-Ranicki wäre heute 97 Jahre alt geworden. An ihn soll hiermit, auch angesichts der schäbigen Tyrannen, die in diesen Tagen die Schlagzeilen beherrschen, erinnert sein.


Image: By Mbdortmund (Own work) [GFDL 1.2], via Wikimedia Commons.

Stirb nicht im Warteraum der Zukunft

Ich habe gelesen: „Stirb nicht im Warteraum der Zukunft“ von Tim Mohr.

Punkrock haben wir ab 1977 im Radio gehört, die Sex Pistols und die Ramones – der NDR hat dazumal auch den nordostdeutschen Äther bedient. Wir waren begeistert und schmissen Hard- und Artrock auf den Müllhaufen der Geschichte, Led Zeppelin und die Stones gehörten plötzlich zum alten Eisen. Und irgendwann tauchten sie dann auch an der Ostseeküste auf, die ersten richtigen Punks. Eine geheimnisvolle Band namens Virus X war in aller Munde, bunte Buttons und subversive Kasetten wurden schwer gehandelt. Wir erinnern uns daran.

Der US-Autor und DJ Tim Mohr hat nun ein Buch über die DDR-Punks geschrieben: „Stirb nicht im Warteraum der Zukunft – Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer“. Dafür hat er in Archiven gestöbert und Stasi-Akten gewälzt, vor allem aber auch diverse Zeitzeugen befragt. Deren Geschichten bilden die Grundlage dieses bemerkenswerten, historischen Gesellschaftsdramas. Der Autor schildert in der Hauptsache die Geschichte der Punks in Ostberlin, klarer Fall, denn dort begann alles und die Szene war zweifellos auch die größte ihrer Art in der ehemaligen DDR. Aber auch in Leipzig, Erfurt, Eisleben und Rostock etablierten sich kleine Gemeinden, die im Text nicht unerwähnt bleiben.

Tim Mohr schreibt von den Anfängen und Protagonisten der Bewegung, den ersten Bands im Untergrund und natürlich vom Bemühen des Staatsapparates, diese dekadenten und asozialen Subjekte zu disziplinieren und an die Wand zu spielen. Besonderes Augenmerk legt er (mit berechtigter Kritik) auf die “Schirmherrschaft der Kirche”, die immerhin versuchte, den Punks in ihren Mauern ein Obdach zu geben. Ging es denen doch keinesfalls nur um Party, Bier und Musik – sondern um mehr: Das System als Ganzes musste fallen. Viele Akteure brachten sich damals in verschiedenster Weise ein (Stichwort Kirche von unten), um aufmüpfig und unverdrossen, trotz Knast, Ausbürgerung und immer währender Bespitzelung seitens der Stasi etwas gegen das Regime zu tun und letztlich dann auch zum Fall der Mauer beizutragen.

Die Dokumentation endet mit einem Rückblick auf das Berlin nach der Wende: etliche Altpunks besetzten Häuser, betrieben Clubs und wurden Teil der neuen Techno-Szene. Und wohnen heute immer noch in ihrem Berlin …


Tim Mohr
Stirb nicht im Warteraum der Zukunft
Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer

2017, 1. Auflage.
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten.

Verlag: Heyne Hardcore
ISBN: 978-3-453-27127-2
€ 19,99 [D]

Erschienen am 20. März 2017.


Symbolbild: I’m Priscilla

Sam Pivnik: Der letzte Überlebende

Es ist die Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden. Das Grauen der Shoa. In Auschwitz, direkt dort, wo Nazischergen die neu ankommenden Juden aus den Zügen trieben, tat der Häftling mit der eintätowierten Nummer 135913 seinen Dienst, räumte die zurückgelassenen Gepäckstücke aus den Waggons.

Sam Pivnik erzählt die ganze Geschichte. Sie beginnt mit seinem 13. Geburtstag, als die Deutsche Wehrmacht in Polen einmarschierte. Im Zeitraffer erfahren wir, wie sich das jüdische Städtchen Będzin (Oberschlesien) in die Hölle verwandelt. Bombenterror, Verhaftungen und Erschießungen, die Einrichtung des Ghettos. Schließlich die Deportation nach Auschwitz-Birkenau. Mutter, Vater, zwei Schwestern und drei jüngere Brüder werden gleich umgebracht. Für den Autor folgen die Krankenstation von Mengele, Prügel, Unterernährung und letzthin der Todesmarsch. Pivnik überlebt all das wie durch ein Wunder, selbst die brennende Cap Arcona.

Die Leute fragen mich oft, warum ich so lange gewartet habe meine Geschichte zu erzählen. Das ist eine einfache Frage, aber die Antwort ist es nicht.

In „Der letzte Überlebende“ erinnert sich Sam Pivnik nach 67 Jahren an die Jahre im Vernichtungslager Auschwitz. Es dürfte heute eine der letzten Stimmen sein, die dabei gewesen waren und vom Unsagbaren erzählen. Mit dem Blick des Augenzeugen seziert er den Lageralltag: die Zählapelle, Zwangsarbeit und willkürliche Gewalt, und zeigt somit das perfide System der Lager auf. Nach der Befreiung und der Auswanderung nach Israel folgt das Abtauchen vieler Nazigrößen und der vergebliche Wunsch nach Gerechtigkeit … Ein wenig irritierend für mich an dieser Odyssee: die plötzlich vorhandene, jedoch nicht genutzte Chance auf Vergeltung (kein Vergeben, und kein Verzeihen!).


Über den Autor:

Sam Pivnik überlebte das KZ Auschwitz. Er kämpfte für einen jüdischen Staat in Palästina und ließ sich schließlich als Galerist in London nieder. 2012 erschienen seine Erinnerungen „Der letzte Überlebende“ in Großbritannien.


Sam Pivnik
Der letzte Überlebende
Wie ich dem Holocaust entkam

2017, 1. Auflage.
Hardcover, 152 Seiten.

16 schwarz-weiß Illustrationen.

Theiss Verlag
ISBN: 978-3-8062-3478-7
€ 19,95 [D]

Erschienen am 13. März 2017.


Symbolbild: Aga Putra

Peter Richter: Blühende Landschaften

Ich habe gelesen: “Blühende Landschaften” von Peter Richter.

Der mensch ist jetzt erst dazu gekommen, dieses schon über zehn Jahre alte Buch zur Hand zu nehmen. Auf der Suche nach dem roten Faden, neugierig und angestachelt durch den erst unlängst gelesenen Roman “89/90”. Im Fazit kann ich sagen, das ich ihn gefunden habe (den roten Faden), und ihn mit großem Vergnügen wieder aufgenommen habe.

In “Blühende Landschaften” nimmt Peter Richter uns mit auf seine eigene Reise durch das eben wiedervereinigte Land. Er zieht von Dresden nach Hamburg, also vom Tal der Ahnungslosen in Deutschlands stolzeste Stadt. Ein Zimmer zur Untermiete, studieren und nebenher jobben. Was er dabei erlebte – im Guten wie im Bösen – schrieb er nieder. Auf Freundlichkeiten wird dabei weitestgehend verzichtet, zielsicher und pointiert nimmt der Autor die in Ost und West gleichermaßen und nur allzu gern gepflegten Vorurteile und Klischees aufs Korn, “denen er selbst erliegt, die er zurücknimmt oder resigniert stehen lässt”.

Dabei bezieht sich Peter Richter keinesfalls nur auf die Gegenwart, sprich die nicht nur in Hamburg unsägliche, wohlfeil beschriebene “aufgeschäumte Latte-Macchiato-Kultur” (großartig seine Bewerbung in der WG!), sondern berichtet beispielsweise auch von der DDR-Ersatzdroge “Nuth” (ein schnüffelbarer Fleckentferner), spricht über die Gastarbeiter in der DDR und überhaupt – im Ansatz werden so mancherlei Episoden, die später in “89/90” in gebotener Ausführlichkeit zur Sprache kommen, erwähnt.

Nach fünf Jahren ist es dann gut mit Hamburg, der Autor hat die Nase voll und geht zurück in den Osten – nach Berlin.

Irgendwann reicht einem das ja auch mal mit Hamburg. Bei aller Liebe, die man auch zu dieser Stadt mit der Zeit und gegen ihren Widerstand entwickeln kann […] Aber dann gibt es da leider auch diese hanseatischen Hamburger, die mit goldenen Knöpfen am Jackett in den Segelclub an der Außenalster gehen, während ihre Sprösslinge unterdessen nebenan gegen die persische Moschee pinkeln und das verwegen finden.

Peter Richter ist ein Mann des Witzes und der zackigen Pointe, und er versteht es vortrefflich, unserer Gesellschaft den notwendigen Spiegel vorzuhalten. So besehen ist “Blühende Landschaften” tatsächlich ein überaus lesenswertes, höchst amüsantes und kluges, gesamtdeutsches Heimatkundebuch.


Peter Richter
Blühende Landschaften: Eine Heimatkunde

Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (8. August 2005)

ISBN-10: 3442542200
ISBN-13: 978-3442542208
€ 8,99 [D]

Linda Behringer: Die Kanzlerin

Ich habe gelesen: “Die Kanzlerin” von Linda Behringer.

Ein Skandal erschüttert das politische Berlin. Ursächlich dafür ist ein ominöses Video, welches beweisen soll, dass Kanzlerin Angelika Mörkel in aller Heimlichkeit Gelder auf einem Schweizer Konto deponiert hat. Damit steht ganz klar der Vorwurf der Steuerhinterziehung im Raum, was in letzter Konsequenz nur eines heißen kann: Mörkels Rücktritt ist unausweichlich. Ein Paukenschlag!

Sofort nimmt Regierungssprecher Werner Knauf Angelika Mörkel aus der Schusslinie, um in Ruhe an einer passenden PR-Strategie zu basteln. Derweil wittert Tom Berber – ein junger, aufstrebender Reporter des Observierers – seine große Chance und macht sich, gemeinsam mit etlichen seiner Kollegen, auf die Suche nach der abgetauchten Kanzlerin. Diese scheint spurlos verschwunden, weshalb dem stets geschniegelten Werner Knauf ein Lob gebührt: brachte er die mitunter schwer zu kontrollierende Kanzlerin doch kurzer Hand in der Studentenbutze seines Sohnes in Kreuzberg unter.

So nimmt die Tour de force ihren Lauf…

„Die Kanzlerin“ ist das Romandebüt von Linda Behringer und als solches ein ziemlich schräges Road Movie aus dem heutigen Berlin. Ihre Geschichte weiß mit Humor, dem Gespür für Skurriles und ungeahnten Wendungen durchaus zu gefallen und hat mir so manches Lächeln ins Gesicht gezaubert. Allein, der große Schenkelklopfer ist es nicht, dafür mangelt es dem Geschehen (meines Erachtens) schlicht an Biss und Tiefgang. Etwas mehr Bösartigkeit und ein wirklich abgrundtiefer, rabenschwarzer Humor hätten der Story die Würze verliehen, welche diese schöne Idee verdient hätte. Doch daran mangelt es.

Im Fazit ist „Die Kanzlerin“ also eher die leichte Sommerlektüre für den Nachmittag.


Linda Behringer
Die Kanzlerin

2016, Originalausgabe.
Taschenbuch, 152 Seiten.

Books on Demand
ISBN: 9783741253751
€ 9,99 [D]

Im Oktober 2016 erschienen.


Danke für das Rezensionsexemplar – an den Verlag und Catherine Knauf von Literaturtest.