Aktuell auf Arte: Vietnam

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viele Stunden am Stück vor dem TV verbracht habe (der mensch schaut ja prinzipiell keine Serien). Aber diese monumentale Dokumentarfilm-Reihe von Ken Burns und Lynn Novick war jede Minute wert. Brilliante (oftmals erschütternde) Bilder, viele Originalaufnahmen und einfühlsame Zeitzeugengespräche zeichnen diese einzigartige Dokumentation, welche die Geschichte des Vietnamkriegs so umfassend und detailliert wie nie zuvor erzählt (sprich von der Kolonialzeit bis in die Gegenwart), vor allen anderen aus.

Die neunteilige Dokumentarfilmreihe Vietnam (jede Folge eine knappe Stunde) läuft derzeit auf arte und ist auch online anzuschauen – längstens bis zum 21. Oktober 2017. Ihr solltet euch die Zeit nehmen, es lohnt unbedingt.

(Deutscher Sprecher ist übrigens Joachim Król.)

Das Punk-Museum in Reykjavík

Jede Menge Bilder, Zeitungsausschnitte, Slogans und Symbole. Auf den Bildschirmen laufen Mitschnitte der vergangenen Jahrzehnte. Dazu natürlich die notwendigen Accessoires, sprich Lederjacke, Boots, Aufkleber und so weiter und so fort. Von der Decke hängen Kopfhörer herab, die akustische Eindrücke vermitteln. Ungewöhnlich: Auch Instrumente sind greifbar. Schlagzeug und Gitarre laden dazu ein, sich auszuprobieren. Alf, der Kurator und ein rundum sympathischer und freundlicher Mensch, greift dann gerne selbst zum Bass – und schon steht die kurzweilige Punkrock-Session, Spass und gute Laune inbegriffen.

Wir befinden uns in einer ehemaligen Bedürfnisanstalt, mitten auf dem Boulevard und genau zwei Treppen unterhalb dieser Fußgängerzone. In Sichtweite liegt die HARPA, das Musik und Kulturzentrum Reykjaviks. Soll heißen: Wir sind zu Gast in Islands Punk-Museum. Mit uns sind weitere Besucher vor Ort, viel Platz hat dieses Kleinod der Rockgeschichte nicht zu bieten. Es ist noch relativ neu, hat seine Pforten erst vor acht Monaten geöffnet. Wie es dazu kam? Ganz einfach: Die Räumlichkeiten der einstigen öffentlichen Toilette standen seit zehn Jahren leer. Der Besitzer derselben hatte irgendwann die Idee, ein Punkmuseum darin zu eröffnen, sprach die richtigen Leute an (okay, in Island kennt jeder jeden) und heute läuft der Laden …

Die isländische Musikszene ist für ihre Vielfalt berühmt, die ganze Welt interessiert sich dafür – spätestens seit Björk und Sigur Rós ist das so. Und Punkrock war immer ein Thema, was vielleicht mit der Einfachheit, der Spielfreude und der Spontanität zu erklären ist, die den Punk auszeichnet. Jeder kann drei Akkorde, und los gehts. Die Menschen in Island sind offen dafür … Das kleine Museum in Reykjavík hat sich ganz der Geschichte des isländischen Punks verschrieben, von den ersten Jahren bis in die Gegenwart (Bands wie Fræbbblarnir, Tappi Tíkarrass, Utangarðsmenn). Apropos …

Sie wissen gewiss, dass sich auch Björk einst dem Genre verschrieben hatte (siehe Kukl)? Sie ist natürlich auch ein Thema – als die Ikone der isländischen Popmusik schlechthin.

Wir snd im Zuge unseres Aufenthaltes noch einige Male vor Ort entlang spaziert, und immer tönte es laut und lustig aus dem Untergrund. Der Besuch dieses ungewöhnlichen Museums lohnt also unbedingt – so Sie denn in Reykjavík sind und am Thema interessiert.


The Icelandic Punk Museum
Bankastraeti 2 | Underground, Reykjavik 101, Island
Täglich 12:00 – 22:00 Uhr
Eintritt: 1000 ISK (ca. 8,20 €)

Stirb nicht im Warteraum der Zukunft

Ich habe gelesen: „Stirb nicht im Warteraum der Zukunft“ von Tim Mohr.

Punkrock haben wir ab 1977 im Radio gehört, die Sex Pistols und die Ramones – der NDR hat dazumal auch den nordostdeutschen Äther bedient. Wir waren begeistert und schmissen Hard- und Artrock auf den Müllhaufen der Geschichte, Led Zeppelin und die Stones gehörten plötzlich zum alten Eisen. Und irgendwann tauchten sie dann auch an der Ostseeküste auf, die ersten richtigen Punks. Eine geheimnisvolle Band namens Virus X war in aller Munde, bunte Buttons und subversive Kasetten wurden schwer gehandelt. Wir erinnern uns daran.

Der US-Autor und DJ Tim Mohr hat nun ein Buch über die DDR-Punks geschrieben: „Stirb nicht im Warteraum der Zukunft – Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer“. Dafür hat er in Archiven gestöbert und Stasi-Akten gewälzt, vor allem aber auch diverse Zeitzeugen befragt. Deren Geschichten bilden die Grundlage dieses bemerkenswerten, historischen Gesellschaftsdramas. Der Autor schildert in der Hauptsache die Geschichte der Punks in Ostberlin, klarer Fall, denn dort begann alles und die Szene war zweifellos auch die größte ihrer Art in der ehemaligen DDR. Aber auch in Leipzig, Erfurt, Eisleben und Rostock etablierten sich kleine Gemeinden, die im Text nicht unerwähnt bleiben.

Tim Mohr schreibt von den Anfängen und Protagonisten der Bewegung, den ersten Bands im Untergrund und natürlich vom Bemühen des Staatsapparates, diese dekadenten und asozialen Subjekte zu disziplinieren und an die Wand zu spielen. Besonderes Augenmerk legt er (mit berechtigter Kritik) auf die “Schirmherrschaft der Kirche”, die immerhin versuchte, den Punks in ihren Mauern ein Obdach zu geben. Ging es denen doch keinesfalls nur um Party, Bier und Musik – sondern um mehr: Das System als Ganzes musste fallen. Viele Akteure brachten sich damals in verschiedenster Weise ein (Stichwort Kirche von unten), um aufmüpfig und unverdrossen, trotz Knast, Ausbürgerung und immer währender Bespitzelung seitens der Stasi etwas gegen das Regime zu tun und letztlich dann auch zum Fall der Mauer beizutragen.

Die Dokumentation endet mit einem Rückblick auf das Berlin nach der Wende: etliche Altpunks besetzten Häuser, betrieben Clubs und wurden Teil der neuen Techno-Szene. Und wohnen heute immer noch in ihrem Berlin …


Tim Mohr
Stirb nicht im Warteraum der Zukunft
Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer

2017, 1. Auflage.
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten.

Verlag: Heyne Hardcore
ISBN: 978-3-453-27127-2
€ 19,99 [D]

Erschienen am 20. März 2017.


Symbolbild: I’m Priscilla

Classic Mac OS im Browser

The Internet Archive hat seine Sammlung emulierter Software um das klassische Mac OS ergänzt: System Software 6 (Version 6.0.8) und System 7.0.1 können nun einfach im Browser ausgeführt werden. Das Ganze ist schön anzuschauen und überhaupt: Es ist schon eine Zeitreise der besonderen Art, wenn man bedenkt, wann die beiden Betriebssysteme veröffentlicht wurden (Juni 1988 und Juni 1991).

Immerhin bekommt man damit einen ungefähren Eindruck davon, wie die ersten Macintosh-Rechner funktionierten. Insbesondere die Emulation von System 7 ist zu empfehlen. Sie umfasst neben dem kompletten Betriebssystem und den Systemprogrammen auch damals populäre Anwendungen wie MacPaint, MacWrite, Pagemaker, BBEdit und Microsoft Word. Dazu lassen sich auch die Dienstprogramme und Spiele (Risk und Shufflepuck) öffnen.

(via ganz vielen)

Sam Pivnik: Der letzte Überlebende

Es ist die Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden. Das Grauen der Shoa. In Auschwitz, direkt dort, wo Nazischergen die neu ankommenden Juden aus den Zügen trieben, tat der Häftling mit der eintätowierten Nummer 135913 seinen Dienst, räumte die zurückgelassenen Gepäckstücke aus den Waggons.

Sam Pivnik erzählt die ganze Geschichte. Sie beginnt mit seinem 13. Geburtstag, als die Deutsche Wehrmacht in Polen einmarschierte. Im Zeitraffer erfahren wir, wie sich das jüdische Städtchen Będzin (Oberschlesien) in die Hölle verwandelt. Bombenterror, Verhaftungen und Erschießungen, die Einrichtung des Ghettos. Schließlich die Deportation nach Auschwitz-Birkenau. Mutter, Vater, zwei Schwestern und drei jüngere Brüder werden gleich umgebracht. Für den Autor folgen die Krankenstation von Mengele, Prügel, Unterernährung und letzthin der Todesmarsch. Pivnik überlebt all das wie durch ein Wunder, selbst die brennende Cap Arcona.

Die Leute fragen mich oft, warum ich so lange gewartet habe meine Geschichte zu erzählen. Das ist eine einfache Frage, aber die Antwort ist es nicht.

In „Der letzte Überlebende“ erinnert sich Sam Pivnik nach 67 Jahren an die Jahre im Vernichtungslager Auschwitz. Es dürfte heute eine der letzten Stimmen sein, die dabei gewesen waren und vom Unsagbaren erzählen. Mit dem Blick des Augenzeugen seziert er den Lageralltag: die Zählapelle, Zwangsarbeit und willkürliche Gewalt, und zeigt somit das perfide System der Lager auf. Nach der Befreiung und der Auswanderung nach Israel folgt das Abtauchen vieler Nazigrößen und der vergebliche Wunsch nach Gerechtigkeit … Ein wenig irritierend für mich an dieser Odyssee: die plötzlich vorhandene, jedoch nicht genutzte Chance auf Vergeltung (kein Vergeben, und kein Verzeihen!).


Über den Autor:

Sam Pivnik überlebte das KZ Auschwitz. Er kämpfte für einen jüdischen Staat in Palästina und ließ sich schließlich als Galerist in London nieder. 2012 erschienen seine Erinnerungen „Der letzte Überlebende“ in Großbritannien.


Sam Pivnik
Der letzte Überlebende
Wie ich dem Holocaust entkam

2017, 1. Auflage.
Hardcover, 152 Seiten.

16 schwarz-weiß Illustrationen.

Theiss Verlag
ISBN: 978-3-8062-3478-7
€ 19,95 [D]

Erschienen am 13. März 2017.


Symbolbild: Aga Putra

Mittagspause auf einem Wolkenkratzer

Mittagspause auf einem Wolkenkratzer (englisch Lunch atop a Skyscraper) – ihr alle kennt diese berühmte Fotografie der Bauarbeiter, die in ca. 250 Metern Höhe über New York auf einem Stahlträger sitzen. Sie wurde 1932 während der Entstehung des Rockefeller Centers beim Bau des RCA-Building aufgenommen. Der Fotograf war vermutlich Charles C. Ebbets.

Dieser kurze Film erzählt die Geschichte hinter dem Foto und ist als solcher Teil der “100 Photographs” Galerie des Time Magazins, auf die ich erst kürzlich an dieser Stelle verwiesen habe. (via)

Der Letzte macht das Licht aus

Ein höchst interessantes Instrument an sich, und ein wunderschönes Handwerk sowieso. Zwei liebenswerte Menschen kommen dazu. Die ganz alte Schule eben …

Alex Carozza betreibt seit 1960 eine Akkordeon-Reparaturwerkstatt in New York. Seine Kunden kommen aus der ganzen Welt, um ihre Instrumente bei ihm reparieren zu lassen. Er hat einen Partner, und die beiden arbeiten mal gerade 60 Jahre lang zusammen. The Great Big Story hat ihn besucht und mit diesem Kurzfilm noch zu Lebzeiten ein virtuelles Denkmal gesetzt.

Alex Carozza has been building and repairing accordions in New York City since 1960. The last craftsman of his kind in the city, Alex is the living memory of a once vibrant musical culture that has all but disappeared from New York. This is the story of a true classic.

Respekt dafür. Und Applaus auch. (einmal mehr via Ronny und Gilly)