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Primitive Harmonik

Auflage 1958

Amüsant zu lesen – das möchte ich euch nicht vorenthalten …

Das wesentliche Element des Jazz, die Improvisation, ist in weitem Maße in die Tanzmusik eingegangen … Das Fundament, über dem improvisiert wird, ist die Harmonik …

Leider wird in Europa und auch von Durchschnittsamerikanern, allzu oft eine sehr fade und primitive Harmonik benutzt. Die Folge davon ist wenig Musik und viel Effekthascherei, die zum Teil die niedrigsten Instinkte im Menschen weckt und zu solchen Auswüchsen wie Rock-and-Roll führt.

So gelesen heute in der “Schallplattenfibel – Wissenswertes von der Schallplatte mit einem musikgeschichtlichen Abriß”.
(1958 erschienen im Fachbuchverlag Leipzig).

Befremdliche Freude

Ich habe erst im Nachgang vom Tode Osama Bin Ladens erfahren und versuche nun, mir einen konkreten Überblick zum Geschehen zu verschaffen. Markus Weber bringt es meines Erachtens ganz gut auf den Punkt, wenn er im anbei zitierten Artikel die ungeklärten Umstände um die Erschießung Bin Ladens benennt und kritisch hinterfragt.

Dass in einem Land, das derart von Gewalt, dem Gedanken an Rache und Vergeltung geprägt ist wie die USA, das das Völkerrecht und elementare Menschenrechte immer wieder mit Füßen tritt, das sich der Folter schuldig gemacht und die Todesstrafe hat, die Tötung Bin Ladens teilweise euphorisch gefeiert wird, mag dabei wenig verwundern. Dass aber auch verschiede deutsche Politiker und auch die Bundeskanzlerin äußern, sich über den Tod Bin Ladens zu freuen (ohne etwa die Umstände zu kritisieren oder auf diese nur einzugehen), lässt doch an deren Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit und ihrem “christlichen Menschenbild” zweifeln.

Danke für diese deutlichen Worte!

Und noch eines möchte ich hier loswerden: die Äußerungen der mecklenburgischen Pfarrerstochter (als Regierungschefin eines demokratischen Staates!) zum Thema sind ohne Zweifel bemerkenswert und verdienen Beachtung – wenn auch im negativen Sinne.

Ein Hamburger Richter hat jetzt Strafanzeige gestellt, er wirft Merkel die öffentliche Billigung einer Straftat vor. Bleibt zu hoffen, dass nun auch ein Staatsanwalt den Mut findet, sich der Sache anzunehmen …

Nicht nur Herrschaftsobjekt

Wer hätte es für möglich gehalten, dass sich 25 Jahre nach Tschernobyl das so dumme wie zynische Verschleierungskarussell wieder drehen würde – und das nicht in der kommunistischen Schlamperwirtschaft, sondern im Land perfektionierter Hochtechnologie schlechthin. Die gefährliche, gefahrenbringende Wahrheit kommt häppchenweise, bis nun die Katastrophe auf Stufe 7 gesetzt wurde. Die sogenannten Abklingbecken liegen frei, keiner weiß, was sich in den Reaktoren abspielt, Helfer werden verstrahlt, fällige Inspektionen waren unterlassen worden, Notstromaggregate versagten, der Austritt radioaktiver Substanzen habe sich stabilisiert, eine akute Gefahr für die Anwohner gäbe es nicht, Tomaten aus der Region werden vom Regierungssprecher vor laufenden Kameras gegessen. Keine Hysterie bitte; das Problem verflüchtigt sich in der Luft und verdünnt sich im Ozean.

Friedrich Schorlemmer – evangelischer Theologe, ehemals Protagonist der Opposition in der DDR, heute SPD-Mitglied und nach wie vor (für mich) der einzig wählbare Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten – sprach kürzlich gut zum Thema “Fukushima und was wir daraus lernen sollten”.

Den Energieriesen fällt aber immer noch nichts anderes ein als paternosterartige Beteuerungen gestriger Sicherheitsbeteuerungen. Das finanzielle Wohl der Aktionäre steht vorne an. Diesen seien sie verpflichtet … Noch immer alternativlos scheint unsere fortschrittsverwöhnte westliche Welt in dem prometheischen Pathos befangen, dass es das Höchste sei über die Welt zu herrschen, statt uns als Mitkreaturen verträglich in Lebenskreisläufe einzufügen …

Das unterschreibe ich so – an diesem 26. April anno 2011.

Der Beitrag im Ganzen zum Nachlesen: Die Welt ist nicht nur Herrschaftsobjekt (SäZ vom 23. April 2011).

Zum Sonntag Tucholsky

Heute morgen im Radio gehört und jetzt hier eingefügt, weil es so schön ist …

Der Mensch

Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.

Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.

Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu treiben, durch den Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erhöhen, sowie auch Kultur, Kunst und Wissenschaft. Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es gerade noch für möglich hält. Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die anderen auch nicht.

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist wenigstens für diese Zeit sicher, daß er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auf den Charakter.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile:
In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, daß man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.

Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen.

Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die anderen sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus. Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.

Schwache Fortplanzungstätigkeit facht der Mensch gerne an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege. Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Der Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, daß er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, daß sie alt sind, und Junge begreifen nie, daß sie alt werden können.

Der Mensch möcht nicht gerne sterben, weil er nicht weiß, was danach kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.

Kurt Tucholsky, 1931

Zitat des Monats

querfeldein

Das ist so schön, ich muss das mal eben hier notieren und mit einem passenden Lichtbild versehen …

Das Wandern ist ein romantischer Gestus, die Ablehnung der Welt und zugleich die Suche nach etwas Neuem.

Sam Apple in “Schlepping durch die Alpen”

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen …

Bis auf den kleinen Hinweis, dass ich auf das erwähnte Reisebuch in einem späteren Beitrag eingehen werde.

Zitat der Woche

An ihren Worten werdet ihr sie erkennen …

Peinlich finde ich es hingegen, wenn einem ehemaligen in Dresden stationierten KGB-Offizier, der zum Schießen bereit war und der als Präsident und Ministerpräsident für schwere Menschenrechtsverletzungen in Russland mitverantwortlich ist, der sächsische Dankesorden überreicht wird. Gerade der Freistaat Sachsen sollte wahrlich einer anderen Tradition verpflichtet sein.

Werner Schulz, seines Zeichens DDR-Bürgerrechtler und Bündnisgrüner, in seiner Rede beim Festakt zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution.

Es sind nicht allzu viele aus der ehemaligen Opposition, vor denen der mensch heute noch seinen Hut zieht. Werner Schulz ist jedoch einer von diesen, Friedrich Schorlemmer und Freya Klier oder Walter Janka ebenso. Denen stehen Leute wie Bärbel Bohley oder auch Vera Lengsfeld gegenüber, von der – wir werden es nicht vergessen – auch schon einmal in der “Jungen Freiheit” zu lesen war.

So hat sich dann die Spreu vom Weizen getrennt, zwei Jahrzehnte nach den Tagen im Oktober neunundachtzig.

ungeniert

ungeniert

Dazu paßt dieser eben im Weltnetz wiedergefundene Aphorismus ganz gut:

Die Menschheit lässt sich grob in zwei Gruppen einteilen: in Katzenliebhaber und in vom Leben Benachteiligte. (Francesco Petrarca) (thx)

zitiert

mensch sollte sich solcherlei Standarts tatsächlich auf Abruf bereit legen. Im Hirnkasten gleich rechts am Eingang vielleicht…

Es gibt Menschen, die durch ihre bloße Existenz die Menschheit verleumden.

Peter Sirius

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