Tag Archives: Lesen

Pirnaer Heft Nummero 7 erschienen

Mit der heute erschienenen Ausgabe ist das siebente Büchlein einer lobenswerten Schriftenreihe erschienen, die sich ausführlich mit der Bau- und Kulturgeschichte der Stadt Pirna beschäftigt: die “Pirnaer Hefte”.

Herausgeber dieser in loser Folge erscheinenden Publikation (das erste Heft erschien bereits im Jahre 1997) ist das Kuratorium Altstadt, welches sich die Erhaltung, die Pflege und Wiederbelebung der Altstadt Pirnas zur Aufgabe gemacht hat.

Die Themen der jetzt vorliegenden Ausgabe kreisen in ihrer Mehrzahl um Pirnas Lage am Fluß. Ihm verdankt die Stadt Wohlstand, er brachte aber auch Ungemach.

So lesen wir – neben anderem – vom “Schiffziehen auf der Oberelbe im 19. Jahrhundert” oder auch die Geschichte des Pirnaers Friedrich Gottlob Köhler, der zum Ende des 18. Jahrhunderts das Eismeer und Grönland bereiste und dazu einen Reisebericht schrieb.

Höchst gefällige Lektüre also, welche die kommenden, dienstfreien Tage auf ihre Art bereichern wird.

Alles umsonst (Roman)

Ich habe gelesen: “Alles umsonst” von Walter Kempowski.

Mein “erster Kempowski” – wenn man so will, und auf eine Empfehlung, die nun schon einige Monde zurück liegt – Dank dafür.

Zur schnellen Inhaltsangabe sei es erlaubt, den Klappentext zu zitieren:

Der sechste Kriegswinter ist kalt auf Gut Georgenhof weit in Ostpreußen. Die Front wird nach Westen zurückgedrängt, die Rote Armee schiebt einen gewaltigen Treck Fliehender vor sich her. Doch Katharina von Globig, die schöne Herrin auf dem Georgenhof, lässt die Realität nicht an sich heran. Sie zieht sich in ihr Refugium aus Büchern, Musik und Nichtstun zurück. Das Alltagsgeschäft überlässt sie dem “Tantchen”, einer energischen Verwandten, und den Ostarbeitern Wladimir, Vera und Sonja. Um den zwölfjährigen Sohn Peter kümmert sich Studienrat Dr. Wagner, der die Stunden mit dem ernsthaften Jungen genauso schätzt wie die dicken Wurstbrote und die verträumte Mutter. Dass etwas in der Luft liegt, ist für alle Hausbewohner spürbar. Panzerkolonnen fahren vorüber, ab und zu fällt der Strom aus, Fremde bitten auf dem Weg nach Westen um Einlass, um sich kurz zu wärmen, und erzählen Erschreckendes. Doch die Bewohner des Georgenhofs verschließen noch immer die Augen vor der heraufziehenden Katastrophe.Aber dann bittet der Pastor Katharina, einen Verfolgten für eine Nacht bei sich zu verstecken. Katharina willigt ein. Kurze Zeit später wird der Mann aufgegriffen. Katharina wird verhaftet. Nun ist die trügerische Idylle dahin. Das »Tantchen« übernimmt das Kommando. Mit Sack und Pack macht sich die restliche Familie auf den Weg. Doch die große Flucht Richtung Westen wird zu einem Albtraum, der alles verschlingt. Nur Peter überlebt und wird Zeuge des großen Sterbens.

Walter Kempowski erweist sich als ein ausgezeichneter Chronist der letzten Kriegsjahre – sehr detailliert, ganz und gar unsentimental und ohne eine Schuldzuweisung schildert er den Untergang des ostpreußischen Bildungsbürgertums.

Ich mag den lakonischen Tonfall des Buches, jeglicher falscher Pathos bleibt darin außen vor. Die Naivität der Protagonisten, ihre Gutgläubigkeit und Realitätsferne bestimmen die Handlung. Der Autor erzählt diese in kurzen, treffenden Sätzen – schnörkellos und brutal in ihrer ganzen, traurigen Sachlichkeit.

Wer sich mit dem Thema beschäftigen mag – unbedingt lesen!

Ins dunkle Herz des Kongo

In der vergangenen Woche war der Kongo mal wieder gut für eine Schlagzeile: Uno räumt Versagen der Blauhelmsoldaten im Kongo ein (SpOn) – ihr erinnert euch gewiss.

Diese schlechte Nachricht bestätigte leider – im Nachhinein – meine aktuelle Lektüre, steht sie doch beispielhaft für den weiteren, scheinbar unaufhaltsamen Niedergang der Demokratischen Republik Kongo. “Blood River: Ins dunkle Herz des Kongo” (amazon Partnerlink) von Tim Butcher ist ein Reisebuch, dass auf seine Art bemerkenswert und somit die Empfehlung wert ist.
Continue reading »

Verblendung/ Verdammnis/ Vergebung

Ich habe eben den Teil drei der Millennium-Trilogie aus der Hand gelegt und bin nachhaltig beeindruckt: so sehr hat mich schon lange kein Kriminalroman gefesselt.

Wie erwartet kam es zum Grande Finale – das Geschehen um die Protagonisten Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist findet ein akzeptables Ende. Kein noch so kleiner Nebenstrang der Handlung bleibt davon ausgeschlossen – dem Autor gebührt Dank und Applaus für die sorgfältige Arbeit und unterhaltsame Stunden. Den bisweilen zu hörenden Vorwurf der Langatmigkeit mag ich dabei nicht nachvollziehen – jedes Kapitel für sich ist spannendes Lesevergnügen, die Handlung vielschichtig und doch immer überschaubar.

Leider Gottes können wir von Stieg Larsson als dem Autor der Krimi-Trilogie nichts Neues mehr erwarten – 2004 erlag er im Alter von nur 50 Jahren einem Herzinfarkt.

Somit ist die Leseempfehlung für einen der besten Thriller der letzten Jahre ein Muss.

Ohne Geld bis ans Ende der Welt

Ich habe gelesen: “Ohne Geld bis ans Ende der Welt” von Michael Wigge.

Der Autor reiste in 150 Tagen von Berlin an “das Ende der Welt” – die Antarktis. Das Besondere daran: er war ohne einen Pfennig in der Tasche unterwegs, baute allein auf die Hilfe und Unterstützung der Leute vor Ort. Das Vorhaben gelang letztlich, scheint mir zur Nachahmung allerdings nicht geeignet – zum Nachlesen hingegen sehr.

Insgesamt reist Wigge 35 000 Kilometer durch vier Kontinente, elf Länder, schläft bei 40 verschiedenen Leuten, fragt in 500 Geschäften nach kostenloser Nahrung und trifft über 100 hilfsbereite und mitfühlende Menschen, die sich von seiner Idee anstecken lassen und ihm helfen.

Natürlich, der Autor ist kein Unbekannter, er ist als Reporter, Moderator und Satiriker aus dem TV bekannt. Die Reise war im Ansatz gut geplant, insbesondere die zwei wichtigen Schiffspassagen (über den Atlantik und von Feuerland in die Antarktis) wurden vorweg organisiert – für Otto Normalbürger scheint mir das eher schwierig bis unmöglich (so ganz ohne Geld und Promi-Bonus).

Nichtsdestotrotz ist am Ende ein kurzweiliges, unterhaltsames Reisebuch daraus geworden – das wohl auch einmal als Fernsehreportage zu sehen sein wird – und hiermit empfohlen sei.

Apropos: auf der Netzpräsenz des Autors finden sich im Übrigen diverse Video-Schnipsel der Reise – die als solche eine willkommene Bereicherung zur Lektüre darstellen.

Tom Rob Smith: Kind 44

Ich habe gelesen: “Kind 44″ von Tom Rob Smith. Zur Inhaltsangabe gönnen wir uns – wie zumeist – den Blick in den Klappentext:

Moskau, 1953. Auf den Bahngleisen wird die Leiche eines kleinen Jungen gefunden. Nackt. Fürchterlich zugerichtet. Doch in der Sowjetunion der Stalinzeit gibt es offiziell keine Verbrechen. Und so wird der Mord zum Unfall erklärt. Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow jedoch kann die Augen vor dem Offenkundigen nicht verschließen. Als der nächste Mord passiert, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und bringt damit sich und seine Familie in tödliche Gefahr …

Um es gleich zu sagen: es handelt sich hier um einen wirklich exzellenten Thriller. Der Autor führt uns in eine der dunkelsten Epochen der Geschichte – Bespitzelung, Säuberungen und Willkür bestimmen den Alltag im stalinistischen Russland der frühen 50er Jahre.
Continue reading »

Im Durcheinanderland der Liebe

Ich habe gelesen: “Im Durcheinanderland der Liebe” von François Lelord (die “Hector”-Romane, Sie wissen schon …).

Zur schnellen Inhaltsangabe sei es erlaubt, ausnahmsweise einmal den Klappentext zu zitieren:

Ein junger Inuit kommt als Botschafter seines Stammes nach Paris. Obwohl sich alle für ihn interessieren, fühlt Ulik jeden Abend in seinem Hotel die Einsamkeit in sich aufsteigen, denn in seinem Land ist man niemals allein. Überhaupt ist Ulik verwundert. Im Land der Eskimos sind alle Männer Jäger, die Frauen kauen die Häute weich, machen daraus warme Kleidung und ziehen die Kinder groß. Die Liebe ist ein Austausch von Geschenken unter zwei Menschen, die einander brauchen. In Paris scheint man komplett andere Vorstellungen zu haben. Marie-Alix, Florence und Adèle arbeiten sehr viel, haben Kinder oder auch nicht, und Ulik ist nicht ganz klar, was man als Mann eigentlich machen soll, wenn man sich verliebt. Aber Gefühle fühlen sich doch überall auf der Welt gleich an, oder nicht?

Continue reading »

Eine Frage der Zeit

Ich habe gelesen: “Eine Frage der Zeit” von Alex Capus.

Wir schreiben das Jahr 1913. Drei brave Papenburger Schiffbauer reisen von der Nordsee an den Fuß des Kilimandscharos, um ein Dampfschiff zu montieren – es gilt, die deutsche Vorherrschaft am Tanganjikasee zu erringen. Zuerst noch begeistert vom kolonialen Charme Deutsch-Ostafrikas werden sie jedoch bald vom zeitlichen Geschehen eingeholt – der Erste Weltkrieg bricht aus. Zur gleichen Zeit erhält der exzentrische, aber nichtsdestotrotz liebenswerte Oberleutnant Spicer Simson von Winston Churchill den Auftrag, zwei Kanonenboote über Land durch halb Afrika an den Tanganikasee zu schleppen, um die deutsche “Flottille” dort vernichtend zu schlagen. Es kommt zum Showdown zwischen den Kriegsparteien…

Wer nun glaubt, diese absurde Geschichte sei der blühenden Fantasie des Autors entsprungen, irrt – sie beruht auf einer tatsächlichen Begebenheit!

Alex Capus beschreibt diese auf so wunderbar sinnige und amüsante Weise, dass man beinahe geneigt scheint, die hässliche Fratze des Krieges zu vergessen. Nichtsdestotrotz wird dem Leser auf brilliante Weise die ganze, aberwitzige Sinnlosigkeit des Geschehens vorgeführt …

Keine Frage: “Eine Frage der Zeit” ist ein allerbestes Lesevergnügen.

Bei uns in Auschwitz

Ich habe gelesen: Bei uns in Auschwitz von Tadeusz Borowski.

Keine leichte Kost, nichts zum Nebenher lesen … Tadeusz Borowski schildert uns in seinem Erzählband über Auschwitz die KZ-Realität auf besondere Weise: er verzichtet auf eine klare Trennung von Opfern und Tätern, es gibt keine Tragik, keine Helden und kein Mitleid.

Der Autor, der Auschwitz aus eigener Erfahrung kannte, beschreibt mit Mitteln des fiktionalen Realismus den Massenmord als Alltäglichkeit. Sein Ich-Erzähler ist Häftling eines Arbeits- oder Vernichtungslagers. Zumeist privilegiert als Vorarbeiter, Dachdecker oder – wie in der Erzählung “Menschen, die gingen” – Sanitäter. Mit den “halbwegs auskurierten Kranken” spielt er in Auschwitz Fußball, während in Sichtweite Frauen und Männer aus Eisenbahnwaggons quellen. Der Häftling-Sanitäter konzentriert sich als Torwart auf das Spiel. Nichts anderes ist von Interesse. “Der Ball wanderte von Fuß zu Fuß und kehrte in einem Bogen vors Tor zurück. Ich wehrte ihn ab, aber er ging ins Aus – Ecke. Wieder ging ich ihn holen. Als ich ihn aufhob erstarrte ich: die Rampe war leer… Ich ging mit dem Ball zurück und gab ihn zur Ecke. Zwischen zwei Eckbällen hatte man hinter meinem Rücken dreitausend Menschen vergast.” (dradio)

Borowski beschreibt zudem sehr eindrucksvoll die Tage nach der Befreiung (hier Dachau), in denen die Überlebenden in sogenannten “Displaced Persons”-Lagern leben (allein von diesem Geschehen habe ich nie zuvor gehört geschweige denn gelesen). Alles in allem ist dieses Buch ein erschütterndes Zeugnis des Holocaust.

Was mir letztendlich fehlt sind ein paar ausführliche und erläuternde Worte zum Autor im Nachwort (ja gut, im Klappentext finden sich fünf Sätze). Deshalb auch hier kurz das Wichtigste zur Person …

Tadeusz Borowski, in der Ukraine geborener Pole, legte seine Abiturprüfung an einem geheimen Untergrundgymnasium in Warschau ab und begann an der gleichfalls geheimen Warschauer Untergrunduniversität ein Studium der Polonistik. 1943 wurde er verhaftet, zuerst nach Auschwitz deportiert und kam danach in weitere Lager – letztlich bis Dachau. Nach der Befreiung hielt er sich zunächst in Deutschland (München, Berlin) auf, kehrte dann 1946 nach Polen zurück. Er heiratete seine Verlobte, die ebenfalls die Lagerhaft überlebte und arbeitete hernach als Schriftsteller, schrieb Erzählungen und politische Aufsätze. Im Juli 1951 drehte er den Gashahn auf und nahm sich – noch keine dreißig Jahre alt – das Leben.

Was bleibt sind 28 Erzählungen, deren unbedingte Lektüre hiermit empfohlen sei.

Scroll to top