Josef Formánek: „Die Wahrheit sagen“

Ich habe gelesen: „Die Wahrheit sagen“ von Josef Formánek.

Schon die Umstände seiner Geburt sind schwierig: Bernhard Mares erblickt in einer Straßenbahn das Licht der Welt und wird – als ungeliebtes Ergebnis einer flüchtigen Begegnung einer Silvesternacht – danach vor einer Kirche abgelegt. Der Pfarrer übergibt ihn kurzer Hand einer das Kind liebenden Pflegemutter, die es nach wenigen Jahren jedoch wieder hergeben muss – der Junge kommt ins Waisenhaus. Mit 16 Jahren verlässt er dieses, beginnt eine Bäckerlehre, findet dann jedoch keine Arbeit. Schließlich landet er – allein gelassen, naiv und mit nichts anderem als das Abenteuer und die große weite Welt im Kopf – bei der SS.

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Jaroslav Rudiš: Nationalstraße

Eine Spelunke in einer Plattenbausiedlung, irgendwo in der betonierten Peripherie der Großstadt. Am Tisch einer dieser Kneipentypen, die immer dort sitzen, jeden Tag zum Feierabend. Der (durchaus belesene) Stammtischphilosoph (und Raufbold!) in seinem Element. Er weiß, wie das Leben läuft. Ungefragte Ratschläge, Flüche auf Gott und die ganze Welt neben den immer gleichen Floskeln. Die deprimierenden Details einer kaputten Biographie gibt es gratis dazu.

Man nennt mich Vandam. Ich wohne in der Betonburg hier. All das Drumherum gab es früher nicht. Nur Wald und Sumpf und Wölfe und Sumpf und Wald. Daher die Mücken. In letzter Zeit werden sie immer mehr. Das ist kein Witz. Manchmal spüre ich, wie der Wald und der Sumpf sich alles zurückholen.

Daraus kann man eine Geschichte machen, vielleicht auch einen Roman – Jaroslav Rudiš ist dieses im Fazit gelungen. Das Geschehen in „Nationalstraße“ beruht auf der tatsächlichen Begegnung des Autors mit einer realen Person. In der Prager Nordstadt haben sie sich getroffen und miteinander getrunken. Die Figur mit ihren Parolen und Phrasen hat dann Eingang gefunden in diesen Roman, der sich mit Bravour der „tschechischen Seele“ widmet und von absurder Einsamkeit, Wut und Angst neben einem unbändigen Hass auf alles erzählt.

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Kampf um Kobanê

Ich habe gelesen: „Kampf um Kobanê: Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens“. Herausgeber dieses Sachbuches ist der Politikwissenschaftler und Journalist Ismail Küpeli.

Der vorliegende Sammelband vereint insgesamt elf Texte verschiedener Autor_innen, die sich allesamt der Aufarbeitung und Analyse der jüngsten Ereignisse um die Verteidigung der syrisch-kurdischen Stadt Kobanê widmen. Ihr erinnert euch gewiss – die Schlacht um Kobanê erlangte vor Jahresfrist weltweite mediale Aufmerksamkeit. Um das Geschehen als solches und auch im Kontext der regionalen Gesamtsituation wirklich zu verstehen, muss der Bogen allerdings etwas weiter gespannt werden – was der Broschüre mit ihrer Auswahl an Texten im Fazit auch ganz gut gelingt.

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David Lagercrantz: Verschwörung

Ich habe gelesen: „Verschwörung“ von David Lagercrantz.

Lisbeth Salander und Michael Blomqvist, die Millennium-Trilogie – Sie wissen schon. Ich habe Stieg Larsson Meisterwerk mit Begeisterung gelesen und auch an der Verfilmung (mit Michael Nyqvist und Noomi Rapace) viel Freude gehabt. Wir wissen: der Autor konnte den Erfolg seiner Bücher leider nicht mehr erleben – er starb anno 2004 mit nur fünfzig Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Für Schlagzeilen sorgte nach seinem Tod ein Streit um das Erbe zwischen seinem Vater und Bruder einerseits und der langjährigen Lebenspartnerin Eva Gabrielsson andererseits, den letztlich die zuerst Genannten gewannen. In der Folge beauftragte Larssons schwedischer Verlag (Norstedt) den Autor David Lagercrantz, einen vierten Band der Millennium-Reihe zu schreiben – Vater und Bruder erklärten dazu ihr Einverständnis. Dieser vierte und schon im Vorfeld zu Recht umstrittene Roman liegt nun seit einigen Wochen vor. Trotz aller Vorbehalte war ich neugierig und habe ihn gelesen.

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Flake: Der Tastenficker

Ich habe gelesen: „Der Tastenficker – An was ich mich so erinnern kann“ von Christian Lorenz aka Flake.

Flake dürfte als Musiker hinreichend bekannt sein – seit 1994 ist er Keyboarder (also Tastenficker) bei Rammstein. Er spielte zuvor bei Feeling B und in zahlreichen Nebenprojekten wie der Magdalene Keibel Combo und Frigitte Hodenhorst Mundschenk. „Der Tastenficker“ (2015, 1. Auflage, handsigniert und nummeriert) als seine erste Publikation ist eine klassische Autobiografie.

Ich mag Clowns nicht. Ich mag keine Pantomimen, Kabarettisten und keine Liegeradfahrer.

In seinem Buch erzählt er schlicht, wie er zu dem wurde, der er heute ist. Garniert mit zahlreichen Fotos und Zeichnungen spannt Flake den Bogen von der Kindheit und Jugend in Berlin, über die wilden Jahre mit Feeling B bis hinüber in die aktuellen Tage. Scheinbar naiv erzählt er einfach drauf los, berichtet in erfrischenden Episoden von etwas anderen Familienausflügen, den Jungen Pionieren, seiner frühen Liebe zu Musik und Automobilen sowie wie es ihm dann später gelang, sich dem Wehrdienst zu entziehen. Es folgen die ersten musikalischen Erfolge, eine Lehrausbildung, Proben, wilde Konzerte und immer wieder reichlich Alkohol. Flake erzählt dabei nicht unbedingt chronologisch, greift jedoch immer wieder Themen auf, die ihm wichtig sind – seine Ängste, Flake als Hypochonder und Flake als exzessiver Autonarr und Bücherwurm. Zudem erfahren wir: Ruhm und Geld bedeuten ihm nicht viel, Abwaschen und Fensterputzen mag er hingegen sehr. Kartoffeln mit Butter auch.

Fazit: Christian Flake Lorenz ist wahrhaftig ein Schelm, der mit reichlich Witz und Ironie zu gefallen weiss. Ich habe sein Buch mit großem Wohlgefallen gelesen und mich dabei köstlich amüsiert.

PS: Wer mit dem „Tastenficker“ einen Rammstein-Report erwartet liegt falsch – die Band wird tatsächlich nur am Rande erwähnt.

Sächsische Heimatbilder

Ich habe gelesen: „Sächsische Heimatbilder“ von Edgar Hahnewald.

Edgar William Hahnewald (1884-1961), seines Zeichens Schriftsteller, Redakteur und Illustrator, wanderte fürs Leben gern im Sächsischen und sah sich dabei aufmerksam um. In den 1920er Jahren trat er mit mehreren Reisebüchern an die Öffentlichkeit, die als ein Loblied auf die Heimat und zugleich als wunderbare Dokumentation der Städte und Landschaften verstanden werden dürfen. Er spaziert an der Elbe, schippert die Mulde entlang, genießt die Bergwiesen im Sommer und besucht zur Weihnachtszeit die Dörfer im Osterzgebirge. Seine Wanderungen führten ihn unter anderem nach Pillnitz, Meißen, Stolpen und Pirna.

Unterm Sonnenstein, angelehnt an grüne Grasgärten, zieht sich die alte Fischer- und Schiffersiedlung an der Elbe hin, von deren naßbespülten Steinufern leider durch den Bahndamm geschieden. […] Noch heute ist sie ein abseitiges Idyll. Ein kleiner rechteckiger Platz, der Plan genannt, liegt in der Mitte. Bunte Häuschen, wie als Vorbild für Spielzeugschnitzer hingebaut, umschließen ihn wie die Wände eines heiteren Sälchens. […] Über den Türen tun gemeißelte Anker und gekreuzte Fische das Gewerbe der Bewohner kund. […] Das ist die Schifftorvorstand, die in Hochwasserzeiten am ärgsten zu leiden hat.

Es wäre jedoch falsch, Edgar Hahnewald damit als einen Heimatdichter im trivialen Sinne zu verstehen – Volkstümelei und Klischees waren ihm fremd. Der Mann war Mitglied in der SPD und auch journalistisch tätig, schrieb etwa für die „Reußische Tribüne“ und die „Dresdner Volkszeitung“. 1933 emigrierte er als politisch Verfolgter in die ČSR, später dann nach Schweden, wo er sein neues Zuhause fand und 1961 verstarb.

Der hier vorliegende Band „Sächsische Heimatbilder“ erschien 1989 im F. A. Brockhaus Verlag und vereint eine Auswahl seiner Beiträge aus verschiedenen Büchern. Wer sich auf die (nur manchmal ein wenig ausufernden) Loblieder auf Natur und Landschaft einlässt hält letztlich eine genaue, im historischen Kontext geradezu meisterliche Beschreibung der sächsischen Gefilde in seinen Händen. Hoch interessant und empfehlenswert für diejenigen unter uns, die ebenfalls – und zumeist auf Schusters Rappen – Land und Flur erwandern.

Drei Hinweise für Pirna

Zum Einen sei der Verweis auf die am kommenden Freitag (24.04.2015) stattfindende Lesung mit Peter Brunnert erlaubt, welche pünktlich um 19.00 Uhr im Uniwerk (Alte Feuerwache) beginnen wird. Peter Brunnert – seines Zeichens Kletterer und Autor – genießt mit seinen zwei Sachsenbüchern Klettern ist sächsy! und Die spinnen, die Sachsen! Kultstatus im Sächsischen – und das mit Recht.

Ist Bergsteigen mehr als Sport? Oder einfach nur bekloppt? Was kann dabei so alles schiefgehen? Und was hat das alles mit Reinhold Messner zu tun?

Der Freitagabend verspricht also ein sehr unterhaltsamer Abend wird – ich freue mich darauf.

Der zweite Hinweis ist allgemeiner Natur und für diejenigen Altstadtfreunde gedacht, die sich dem stilvollen Genuss einer gepflegten Tasse Bohnenkaffee verpflichtet fühlen: das kleinste und bei weitem charmanteste Café der Stadt – das Café Bohemia – hat in diesem Jahr nur sporadisch geöffnet. Ursächlich dafür steht der Nachwuchs – in diesem Babyjahr ist also nicht wie gehabt von Mittwoch bis Sonntag, sondern nur an ausgewählten Wochenenden und Feiertagen geöffnet. Saisoneröffnung ist am Himmelfahrtswochenende (15., 16. und 17. Mai), weiter geht es zu Pfingsten (23. und 24. Mai) und dann wieder zum Stadtfest in Pirna vom 19. bis 21. Juni.

Nicht zu ändern, aber immerhin. Last but not least: der diesjährige Tag der Kunst findet am 4. und 5. Juli statt. Hoffen wir einfach, dass das Fräulein Bohemia auch an diesem Wochenende die Zeit findet, ihre illustre Gästeschar mit Selbstgebackenem und frisch gebrühtem Kaffee zu verwöhnen. Alles Weitere wird sich dann schon finden …