Archives for:
“Gesellschaft”

Lesetipp: Wir schlachten ein Schwein

Schonungslos und eindrucksvoll demontieren Manfred Klimek (Text und Fotos) und Janine Stengel (Video) das romantisch geprägte Bild vom Leben auf dem Bauernhof.

Auf dem Bauernhof ist es nur in Kinderbüchern schön. Auf dem Bauernhof treiben es Hühner und Enten zwischen Traktoren und gestapelten Reifen, auf dem Bauernhof schlingt die Katze eine Maus hinunter und starrt dabei unverwandt in dein Gesicht, auf dem Bauernhof frisst die Schweinemutter eines ihrer Ferkel auf, das sie irrtümlich erdrückte. Der gelähmte aber noch lebende Frischling wird vom Schwanz her verzehrt. Und schreit. Lange. Eindringlich. Auf dem Bauernhof ist nichts lustig; Bauernhof und Bauer sind mit unserer von sichtbarem Leid und Tod weitgehend befreiten Welt inkompatibel. Auf dem Bauernhof wird öffentlich gestorben. Und es riecht streng.

Ich habe diesen Artikel zwar schon via Twitter empfohlen, komme jedoch nicht umhin, ihn auch hier zu erwähnen. Als Leseempfehlung für euch und als Notiz für mich, denn solch ordentlich recherchierte und gut illustrierte Reportagen finden sich nicht viele im täglichen Blätterwald. Und vielleicht regt die Lektüre ja doch die Eine oder den Anderen dazu an, in Zukunft bewusster zu kaufen und zu verzehren …

Nur Memmen speichern. Echte Männer löschen.

Das, was wir an Daten hamstern, ist weitestgehend Zeug, das wir nicht brauchen. Heizmaterial für die Seele. Es gibt uns das Gefühl, Vorräte zu besitzen, eine archaische Beruhigung. […] Aber der Mensch braucht das Ungefähre, Ungewisse und Unaufgeräumte, um sich zu vergewissern, dass nicht bereits alles festgelegt ist – auch nicht die Vergangenheit – und um sich frei fühlen zu können. Es ist deshalb fast eine Art Naturgesetz, dass Festplatten nie ganz aufgeräumt werden.

Peter Glaser referiert klug über die Ökonomie des Erinnerns. Immer lesenswert und hiermit zum Abonnement empfohlen …

Glen Matlock, Sex Pistols

Was ist Punk? Ich denke, er ist die Kraft, die man aus einem gebrochenen Herzen gewinnt. Die Beharrlichkeit angesichts der Pfeile und Schleudern des wütenden Geschicks. Was der Punk nicht ist, ist das, was später aus ihm geworden ist. Er hat nichts mit Frisuren oder Klamotten zu tun. Und er ist auch nicht nur ein bestimmter Sound, sondern eine Haltung. Lies immer zwischen den Zeilen und lass dich von den Arschlöchern nicht unterkriegen.

Petition 56759

Eine Petition ist ein Ersuchen, das auf die Regelung eines allgemeinen politischen Gegenstands zielt, oder eine Beschwerde, die um Abhilfe eines individuell erfahrenen Unrechts bittet. Über den Sinn oder Unsinn einer Petition und deren Aussicht auf Erfolg lässt sich trefflich streiten – doch das soll hier nicht das Thema sein. Ich unterschreibe ab und an Petitionen, die mir am Herzen liegen – die mögliche Behandlung als ein Thema im Parlament ist mir zumeist die Sache wert.

Dieser Tage liegt nun eine dieser mir wichtigen Petitionen vor, auf welche hiermit verwiesen sein soll. Kurz gesagt geht es darin um die Streichung des Blasphemiegesetzes, des sogenannten “Gotteslästerungsparagraphen”.

Nach § 166 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören. Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Sie ahnen es vielleicht – es geht explizit um die Freiheit der (kritischen und satirischen) Kunst in einer modernen und offenen Gesellschaft. In der Begründung der Petition heißt es unter anderem:

Während aufgeklärte Gläubige keine Probleme mit satirischer Kunst haben und somit einen besonderen Glaubensschutz gar nicht benötigen, berufen sich religiöse Fundamentalisten seit Jahrzehnten immer wieder auf § 166 StGB, um die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit einzuschränken. Die hier zum Vorschein kommende Kritikunfähigkeit sollte vom Gesetzgeber nicht zusätzlich befördert werden. Borniertheit, Intoleranz und Humorlosigkeit sind keine Rechtsgüter, die unter Schutz gestellt werden sollten. Vielmehr sollte der Staat den Freiraum für kritische und vor allem satirische Kunst erweitern und Künstlerinnen und Künstler in ihrer wichtigen kulturellen Aufgabe bestärken, althergebrachte Sichtweisen gegen den Strich zu bürsten.

Dem habe ich nicht viel hinzuzufügen – außer meinem Signum. Denn “über Gott und seine Propheten zu lachen, ist die Grundlage der Aufklärung” (Doron Rabinovici). Wenn Sie dieses ehrenwerte Anliegen ebenfalls unterstützen möchten: hier geht es zur Petition. Die Mitzeichnungsfrist läuft noch bis zum 17.02.2015. (alles via)

Liebe ist für alle da!

Gestern fand auf dem Marktplatz zu Pirna der 3. Christopher Street Day statt. Er ist der wahrscheinlich Kleinste seiner Art in Deutschland und trotzdem und gerade darum unheimlich wichtig für unsere Region – in diesem konservativsten Bundesland der Republik.

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

3. Christopher Street Day in Pirna

Ich habe am Nachmittag einige Stunden auf dem kunterbunten Fest verbracht und war sehr angetan von der sehr angenehmen, lustig-lockeren Atmosphäre. Dem Vernehmen nach sollen circa 600 Leute dabei gewesen sein – ein großer Erfolg, gemessen an der Teilnehmerzahl zum ersten CSD in Pirna vor zwei Jahren. Meinen Glückwunsch und den Daumen hoch für das kommende Jahr!

Georg Schramm. Die Sprache als Waffe.

Der Mann gastierte jüngst in Dresden. Am vergangenen Dienstag also. Mit “Meister Yodas Ende”, und vor ausverkauftem Großem Haus. Ich hatte das ausgesprochene Vergnügen, dabei zu sein.

Ein Garderobenständer, drei Jacken und drei Alter Egos. Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben und der Rentner August (SPD). Georg Schramm verkörpert sie alle und erklärt uns die Welt. Spricht von Demenz und Pflege, von Mikrowellen-Kanonen, von Eigenblutvergießen und der arabischen Revolution. Und dass wir die Ehefrau doch besser daheim (was jetzt den Schrebergarten meint), an ihrem Lieblingsplatz zur ewigen Ruhe betten sollten.

Deutschunterricht in Reinstform.

Georg Schramm ist nicht nur einer der schärfsten Vertreter des politischen Kabaretts – er ist der Beste. Für mich, und für viele andere auch. Er ist so gut, dass ich ihn gerne als Bundespräsidenten hätte. Mindestens. Und einige andere auch.

Gelacht wurde auch an diesem Abend. Gelegentlich. Es blieb einem zu oft im Halse stecken, dieses unangemessen glückselige, aufatmende Gelächter. Alles nur Spass? Mitnichten. Zu bitter die Erläuterungen zu Politik und Wirtschaft, zu einfach der erklärte Zusammenhang von Macht und Markt. Das ist kein Kabarett mehr, das ist politische Aufklärung. Weghören geht gar nicht. Die drei Affen, Sie wissen schon. Für diejenigen, die es immer noch nicht begriffen haben. Und für uns, die wir schon bereit stehen, sowieso. Es riecht nach Aufstand, wenn Georg Schramm auftritt, und das ist gut so. Danke dafür.

Ihr solltet euch beeilen, wenn ihr diesen unseren Mann noch einmal live sehen wollt: Ende 2013 – mit seinem 25-jährigen Bühnenjubiläum – wird er seine Tournee als Solo-Kabarettist beenden. Termine finden sich hier.

Danach wird er König in diesem Land.

Hoffentlich.