"Alternativlos" gilt leider auch in Pirna

Wir erinnern uns: unlängst wurde der Begriff “alternativlos” durch eine Jury von Sprachforschern zum Unwort des Jahres 2010 gewählt. Bundeskanzlerin Angela Merkel benutzte die Floskel mit Bezug auf die Griechenlandhilfe – ebenso fand sie Verwendung im Vokabular anderer Politiker im Zusammenhang mit dem Bahnprojekt Stuttgart 21, der Gesundheitsreform oder auch dem Ausbau des Frankfurter Flughafens. Der die Jury leitende Germanist Horst Dieter Schlosser erklärte dazu:

‘Alternativlos’ heißt, es lohnt sich nicht mehr, darüber zu reden. Das ist in der Politik gefährlich.

Wie berechtigt die Entscheidung für dieses Unwort war bestätigt sich leider auch hier vor Ort in der ostsächsischen Provinz – verteidigten doch unlängst Pirna’s Stadtplaner Steffen Möhrs und Baubürgermeister Christian Flöhrke (parteilos) die geplante Rodung der rund 100 Jahre alten Lindenallee am Schlossberg als notwendig und “alternativlos” (DNN vom 19.01.2011).

Dass dem nicht wirklich so ist konnte jeder interessierte Mensch etwa in der dem Beschluss zur Fällung vorausgehenden Diskussion in der Stadtratssitzung am 22. Juni 2010 oder spätestens in dem am 09. September 2010 von der BI “Lebenswertes Pirna” veranstalteten Bürgerforum zur Thematik „Lebensraum Schlossberg“ erfahren, wo durchaus mögliche Alternativen zur bestehenden Planung der Stadtverwaltung vorgetragen wurden.

Tatsächlich scheint es in dieser Republik jedoch allgemein gültiger Konsens (der vom Volke in Amt und Würden gehievten Klientel) zu sein, das Mitspracherecht der Bürgerinnen und Bürger bei wichtigen Großprojekten als ad absurdum zu führen und großherrschaftlich über die Geschicke der Region zu befinden.

In diesem unlängst vom Lokalfernsehen erstellten Beitrag zur Thematik propagiert der bereits oben erwähnte Baubürgermeister der Stadt Pirna, Christian Flöhrke, einmal mehr das von der Stadtverwaltung manifestierte, meines Erachtens nach wilhelminische Verständnis von Landschaftsgestaltung am Schlossberg und die Notwendigkeit der damit verbundenen Eingriffe. Zudem kommen zwei Vertreter der Bürgerinitiative zu Wort, um ihre Argumente gegen die geplante Umgestaltung darzulegen.

Endgültig wird über das Schicksal der Linden in der kommenden Woche entschieden – in der öffentlichen Stadtratssitzung am 25. Januar, 18.00 Uhr.

4 Kommentare

  1. mortek21. Januar 2011 at 01:22

    zu den linden sag ich mal nix. sonst krieg ich wieder schlechte laune :(

    zum wort des jahres nur schnell einen link für freunde von podcasts: http://alternativlos.org/

    • Rappel21. Januar 2011 at 08:35

      danke für den Link, der ist neu für mich. und ja, mit der Zeit kostet es massive Selbstbeherrschung – das Schreiben über die Linden. da bin ich ganz und gar der WUTBÜRGER! :evil:

  2. Fisch13. Februar 2011 at 19:23

    …ich könnte es noch verkraften, wenn das Klientel denn tatsächlich vom Volke in Amt und Würden gehievt worden wäre. Ist es nicht eher so, daß diejenigen, die entscheiden, gar nicht gewählt werden können???

    • Rappel16. Februar 2011 at 12:20

      Formal gesehen ist da schon etwas dran, ganz klar. Bezugnehmend auf diese Geschichte vor Ort hatten es jedoch die Stadträte in der Hand, Zustimmung oder Ablehnung zu bekunden.

      Hier liegt eben der Hase im Pfeffer – parteiliche Interessen stehen immer wieder über sachlichen Entscheidungen. Wir brauchen also alternative Parlamente – weg von den Parteisoldaten und Lobbyisten – in denen die Bürgerinnen und Bürger selbst über die Geschicke der Gemeinden entscheiden und in denen (in Streitfragen) den Fachleuten nicht nur formal Gehör geschenkt wird …

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