Bei uns in Auschwitz
Ich habe gelesen: Bei uns in Auschwitz von Tadeusz Borowski.
Keine leichte Kost, nichts zum Nebenher lesen … Tadeusz Borowski schildert uns in seinem Erzählband über Auschwitz die KZ-Realität auf besondere Weise: er verzichtet auf eine klare Trennung von Opfern und Tätern, es gibt keine Tragik, keine Helden und kein Mitleid.
Der Autor, der Auschwitz aus eigener Erfahrung kannte, beschreibt mit Mitteln des fiktionalen Realismus den Massenmord als Alltäglichkeit. Sein Ich-Erzähler ist Häftling eines Arbeits- oder Vernichtungslagers. Zumeist privilegiert als Vorarbeiter, Dachdecker oder – wie in der Erzählung “Menschen, die gingen” – Sanitäter. Mit den “halbwegs auskurierten Kranken” spielt er in Auschwitz Fußball, während in Sichtweite Frauen und Männer aus Eisenbahnwaggons quellen. Der Häftling-Sanitäter konzentriert sich als Torwart auf das Spiel. Nichts anderes ist von Interesse. “Der Ball wanderte von Fuß zu Fuß und kehrte in einem Bogen vors Tor zurück. Ich wehrte ihn ab, aber er ging ins Aus – Ecke. Wieder ging ich ihn holen. Als ich ihn aufhob erstarrte ich: die Rampe war leer… Ich ging mit dem Ball zurück und gab ihn zur Ecke. Zwischen zwei Eckbällen hatte man hinter meinem Rücken dreitausend Menschen vergast.” (dradio)
Borowski beschreibt zudem sehr eindrucksvoll die Tage nach der Befreiung (hier Dachau), in denen die Überlebenden in sogenannten “Displaced Persons”-Lagern leben (allein von diesem Geschehen habe ich nie zuvor gehört geschweige denn gelesen). Alles in allem ist dieses Buch ein erschütterndes Zeugnis des Holocaust.
Was mir letztendlich fehlt sind ein paar ausführliche und erläuternde Worte zum Autor im Nachwort (ja gut, im Klappentext finden sich fünf Sätze). Deshalb auch hier kurz das Wichtigste zur Person …
Tadeusz Borowski, in der Ukraine geborener Pole, legte seine Abiturprüfung an einem geheimen Untergrundgymnasium in Warschau ab und begann an der gleichfalls geheimen Warschauer Untergrunduniversität ein Studium der Polonistik. 1943 wurde er verhaftet, zuerst nach Auschwitz deportiert und kam danach in weitere Lager – letztlich bis Dachau. Nach der Befreiung hielt er sich zunächst in Deutschland (München, Berlin) auf, kehrte dann 1946 nach Polen zurück. Er heiratete seine Verlobte, die ebenfalls die Lagerhaft überlebte und arbeitete hernach als Schriftsteller, schrieb Erzählungen und politische Aufsätze. Im Juli 1951 drehte er den Gashahn auf und nahm sich – noch keine dreißig Jahre alt – das Leben.
Was bleibt sind 28 Erzählungen, deren unbedingte Lektüre hiermit empfohlen sei.
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